Christina Zück: Defence Phase II Karachi


Golden Gilligan
17. September 2008, 08:41
Gespeichert unter: 2008


Heute war ich im Pakistanischen Konsulat und habe mein Visum abgeholt. Nach nur drei Tagen Wartezeit, obwohl mir Herr Dr. Litz gesagt hatte, es könne 4 bis 6 Wochen dauern und ich müsse mit Fragen rechnen. Ich hatte mir schon die Verhörsituation ausgemalt, nervös würde ich unter den Augen des allgegenwärtigen Jinnah-Portraits einem nicht weniger ernst blickenden Konsularbeamten gegenübersitzen. Ganz erleichtert fuhr ich zum Cyberport Store in der südlichen Friedrichstraße, um mir eine neue Digitalkamera zu kaufen. Ich packte sie gleich aus und probierte alle ihre Menüpunkte aus, sie hat eine tolle neue Funktion, mit der man das angeblich 10 Megapixel große Bild komprimieren und in web-kompatibler Größe abspeichern kann. Da sie eine Upgrade meiner alten Knipse ist, würde ich den alten Akku gleich verwenden und loslegen können. Ich liebe Herumknipsen. Mit dem Digitrash ist es fast ganz umsonst. 950 Fotos gehen auf die neue 4 Gigabyte Speicherkarte. Am liebsten würde ich das mein ganzes Leben lang tun, wild herumknipsen und dann was von Baudelaires Flaneur, Poes Mann in der Menge, Benjamins Lumpensammler und Guy Debords dérive labern. Ich landete am Checkpoint Charlie, wo sich ein paar Ein-Euro-Jobber als französische und amerikanische Grenzsoldaten aus dem kalten Krieg verkleidet hatten. Ein lebendes Museum mit komischen Barrikaden aus Sandsäcken mitten auf der Friedrichstraße: die Soldaten hielten die Flagge ihrer jeweiligen Nation in der Hand und an jedem hing ein Schild, „Foto ein Euro“. An einem Stand verteilte ein Soldatendarsteller historische Stempel, auch für einen Euro. Hier gibt es keine Grenze mehr, nicht mehr für uns, die wir hier drin sind im Schengen-Gebiet und die auch noch nie Handschellen getragen haben, aber alle wollen jetzt weiter Grenzschikane spielen. Kann man das psychoanalytisch erklären, dass die Autorität, die Papi damals auf uns ausgeübt hat, nur durch den Fetisch des Paraphernaliums gebannt werden kann? Und dass es immer wieder diesen Beamten braucht, den man um den Stempel anbetteln muss, um die Demütigung durch die böse Macht zu reinszenieren und somit erträglich zu machen? Nee. Im Grunde könnte man auch Knut da hinstellen, besprüht mit roten Hammer-und-Sichel Zeichen als Symbol des Kalten Krieges. Und die zerfetzten Klamotten von Knuts Wärter zur Erinnerung an den historischen Moment, als Knut seine Raubtiernatur entdeckte, als T-Shirt-Edition verticken.

Richard DeDomenici, Performancekünstler aus London, war neulich zu Besuch und wir saßen zusammen mit dem Embedded-Art-Team in einer Bar und sprachen über seine Pläne, auf dem Pariser Platz eine Aktion im öffentlichen Raum zu inszenieren. Spontan tauchten ein paar Ideen auf, zum Beispiel anstatt der silber angemalten NVA-Polizisten, wie ich sie neulich bei der Eröffnung der Amerikanischen Botschaft vor dem Brandenburger Tor gesehen habe, Gilligan goldbemalt als lebende Skulptur für Touristen dorthin zu stellen: das emblematische Foto aus Abu Ghraib des Gefangenen, der verhüllt und mit Stromkabeln an den Händen auf einer Kiste stehen musste. Charles Graner und Lynndie England hatten ihm den Spitznamen Gilligan gegeben, nach einer Witzfigur aus einer amerikanischen Fernsehserie. Ob diese Figur noch etwas hervorrufen würde an Affektresten? Wir verwarfen die Idee sofort wieder. Sie würde mit dem selben Zynismus arbeiten wie die Folterer und unter dem Vorwand des Aufdeckens die ganze elende Logik wiederholen: standard operating procedure in der bildenden Kunst.


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