Gespeichert unter: 2008
Meine Kamera – ich habe inzwischen das Sony-Upgrade in ein Lumix umgetauscht, da es bei 10 Megapixeln eine schlechtere Bildqualität hatte als das zwei Jahre alte Vorgängermodell mit 6 Megapixeln – das Lumix also hat eine Szenenerkennungsfunktion: neben „schöne Haut“, „Sport“, „Speisen“, „Taliban“, „Kerzenlicht“, „Baby 1″, Baby 2″, „Tier“ und „Sonnenuntergang“ gibt es auch die Einstellung „Luftaufnahme“, sie wurde extra für Leute wie mich gemacht, die gerne aus dem runden Flugzeugfenster fotografieren. „Schalten Sie die Kamera während des Startens und Landens ab. Folgen Sie den Anweisungen des Flugpersonals.“ steht auf dem Bildschirm, bevor es sich umschalten läßt. Das Autofocusobjektiv, das eine echte materiallose Unendlichkeit im Gegensatz zu der durch einen Horizont begrenzten Unendlichkeit einer Landschaft nicht erkennt, kann so auf den vagen Raum des Himmels scharfstellen.

Als ich in Doha den Wartebereich des Gates für den Flug nach Karachi betrete, ändert sich die Situation. Schluss ist mit der bunten kommerzialisierten Multikultiwelt. Ich bin jetzt die einzige westliche Person, soweit ich es erkennen kann. Die anderen Leute starren mich erstmal an, bis sie sich an den Anblick gewöhnt haben. Ich bin von nun an exotisch. Das Flugzeug ist proppenvoll, alles wuselt, in jeder Sitzreihe schreit ein Kleinkind, der Service von Qatar Airways ist nicht mehr so auf den Punkt, wie auf dem Flug von Berlin nach Doha. Aber alle Leute interessieren sich füreinander. Ich sitze neben einer älteren Dame und ihrem Mann, die gerade ihre Tochter in Toronto besucht haben und schon seit 17 Stunden unterwegs sind. Nach einiger Zeit stehe ich auf, um mich mal zu bewegen, und gerate zwischen zwei Servicewägen, von denen die Stewardessen im Schneckentempo Getränke verteilen. Weiter hinten in einer Reihe sehe ich drei Vollbartträger mit weißen Kappen, eine Reihe dahinter sitzen drei schwarzverhüllte Frauen, wohl ihre Ehefrauen. Ich bin eingeklemmt und stehe glotzend im Gang herum. „Bist du Deutsche?“ spricht mich jemand an. „Ja, kann man das so leicht erkennen?“ „Nur ‘ne Deutsche kann so verrückt sein, alleine nach Karachi zu fliegen.“ Wir fangen an zu plaudern. Farhan ist in Stuttgart aufgewachsen, seine Mutter ist Deutsche, er schreibt jetzt in Berkeley an seiner Doktorarbeit in Islamwissenschaft. Ich setze mich wieder und starre aus dem Fenster. Da taucht ein Zipfel von Karachi auf, ein Muster aus Lichtpunkten, Stiche in meiner Herzgegend hier oben im Flugzeug. Nach der Landung gibt es keine Gangway, die Uniformen des Bodenpersonals sind hellblau und ich sehe auch keinen Aufzug, der von einem Level zu einem anderen führen könnte. Auf dem Rollband holt mich Farhan ein. Er erzählt mir seine Erfahrungen und ist ziemlich beunruhigt, dass man ihn nicht einreisen läßt. Ich auch.
Aber ich bin nicht mehr alleine beim Ankommen. Es ist 6h30 morgens hier, etwa 2h30 Berlinzeit, eine ganz normale Zeit also, zu der man gewöhnlich noch in irgendeiner Kneipe herumsteht. Wir gelangen in den Saal mit den Einreise-Schaltern und stellen uns in einer Reihe an, weiter plaudernd. In dem Raum mit etwa zwölf Schaltern und je einer Schlange von dreißig Personen bin ich immer noch die einzige weibliche westliche Person. Die Männer tragen Shalwar Kameez, lange Hemden mit Pluderhosen, meist weiß, und einige haben Turbane, mit Perlen bestickte Kappen und diese karierten Tücher auf dem Kopf, die in Mitte gerade als Schal total in Mode sind. Fehlen nur noch die Ziegen, erwische ich mich bei einem eurozentrischen Überlegenheitsgedanken. Ein Westler, der uns Deutsch reden hört, sagt uns, daß die Schlange für foreign passports weiter hinten ist. Dort sehe ich Jeannette, die freudig auf mich zu rennt. Sie ist gerade mit der Emirates-Maschine aus Dubai angekommen, ebenfalls aus Berlin und wird zur gleichen Zeit wie ich in Karachi sein für ein Residency bei der Künstlerorganisation VASL. Auch sie macht sich ziemlich Sorgen, nicht ins Land gelassen zu werden – der Geburtsort, der in ihrem Pass steht, ist Kabul. Vorne auf dem Desk stehen kleine runde Fischaugenkameras, die alle Einreisenden filmen. In der Reihe neben uns hat sich ein alter Mann mit Turban auf den Boden gehockt und sortiert seine Papiere. Wir stehen nun zu dritt unter den Wartenden und schnattern laut und aufgeregt auf Deutsch, irgendwie fühlt es sich an, wie auf einer guten Party nachts um halb drei, als wäre ich betrunken, jede Art von Angstgefühl ist wie weggeblasen. Farhan spricht den Europäer vor uns an, auf seinem Metallkoffer klebt ein „D“. Ja, er ist Deutscher. Was er hier macht? Nach Öl bohren. Fünf Wochen in einem Camp in Sindh für eine deutsche Firma arbeiten und danach fünf Wochen frei haben. „Weißt du, wo das Emsland ist?“ fragt er Farhan. „Ich bin in Stuttgart aufgewachsen“, kichert Farhan. „Wie ist das denn so mit der Sicherheitslage auf dem Land?“ „Ich war vorher in Nigeria, da konnte ich mich nur mit bewaffneten Bodyguards bewegen. Da wo ich arbeite, das ist einfach mitten in der Wüste.“ Farhan fängt an mit dem Mann zu flirten. „Hast du in der Schule nicht aufgepasst: Weser, Elbe, Ems, das sind die wichtigsten deutschen Flüsse.“ Farhan ist jetzt an der Reihe. Sie winken ihn nach einer kurzen Passkontrolle durch. Jeannettes Adresse in Karachi fehlt noch auf ihrem Einreisformular. Sie gerät ein bißchen in Panik, reißt ihr Macbook aus dem Rucksack und fährt es auf dem Schalter hoch. Ein Mann hinter uns beschwert sich, dass alles so lange dauert. „We’re very sorry“, sage ich. In der Reihe neben uns haben sich die Männer aus zwei Reihen in einer Traube zum Schalterbeamten vorgedrängt und reden auf ihn ein. Links neben uns scherzt ein Mann laut mit dem Beamten. Jeannette startet ihr Mailporogramm. Sie findet die Email mit der Adresse nicht.
1. Bodenfoto, Jinnah International Airport
Noch keine Kommentare bis jetzt
Kommentieren
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>




