Christina Zück: Defence Phase II Karachi


14h46 Pariser Platz, Moment of Silence, hiding tears under sunglasses
11. September 2011, 16:36
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Berlin, two days before September 11, 2011
11. September 2011, 02:39
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Discussing 9/11 in front of a large pixelated Thomas Ruff piece
10. September 2011, 22:23
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„The Situation Room“ explained by Jed Martin
23. Mai 2011, 22:59
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(A visual idea stolen from the novel „La carte et le territoire“ by Michel Houellebecq)

Wie kann man das Bild „The Situation Room“ deuten? Was will der Autor, in diesem Fall die amerikanische Regierung, nach der Tötung des Terroristen Osama Bin Laden den Betrachtern sagen? Diese Frage wurde auch während des Vortrags des Kunstwissenschaftlers W.J.T. Mitchell am 18. Mai im Berliner HAU vom Publikum selbst aufgeworfen. Manche kunsthistorisch Versierte unter den Zuschauern sahen darin eine Referenz zu den „Ambassadeurs“ von Holbein – das Bild mit dem perspektivisch verzerrten Schädel, den man wieder in seiner Originalform sehen kann, sobald man den richtigen perspektivischen Betrachterstandpunkt findet – andere sahen darin die Ankunft des Hermes Trismegistos, des Boten, der eine gute bzw. schlechte, auf jeden Fall bedeutende Nachricht bringt. Macht es Sinn, dieses Bild spekulativ zu betrachten, d.h. übersetzt: ihm den Spiegel vorzuhalten und zu versuchen, Verdopplungen, Symmetrien, Schattenwürfe heimlicher und unheimlicher Art zu erkennen, oder es in einen closed circuit, im Stil von Michelangelo Pistolettos „Metrocubo d’Infinito“ in der Form einer „mise an abyme“ in den Abgrung hineinzuschmeißen? Ihm also den Spiegel vorzuhalten, wie Perseus der Medusa den Spiegel vorhielt, obwohl man da nicht genau weiss, ob die Medusa, als sie sich selbst sah, das Kotzen bekam und von ihrer Schreckensherrschaft abließ, oder on der Perseus durch diesen Trick nur ihren Narzissmus ausspielte, um ihr im günstigen Moment den Schädel abzuhauen, oder ob er tatsächlich den Spiegel bloß als Navigationsgerät benutzte, um ihrer psycho-physischen Power zu entwischen und ihr so seine Drohne auf den Kopf zu knallen. Das alles läßt der Mythos offen, und man lernt unterdessen, dass man mit einem Werkzeug wie dem Spiegel viel machen kann.

Was ist auf dem Bild zu sehen? Ein dutzend Leute – die amerikanische Führungsebene – sitzt um ein paar Laptopmonitore herum und und schaut auf etwas, das außerhalb des Ausschnitts liegt. Die Monitore suggerieren, dass das, auf das geschaut wird, ebenfalls auf einem Monitor stattfindet, also im Büroraum und nicht draußen in der Welt. Sie wirken gebannt, und eine Frau hält sich die rechte Hand vor den Mund, um eine unkontrollierte körperliche Reaktion besser in den Griff zu kriegen. Der dazugehörige Narrativ erzählt, dass sie den Eliteeinheiten dabei zuschauen, wie Osama Bin Laden erschossen wird. Als ich das Bild zum ersten Mal sah, musste ich an ein Szenario aus einem Film denken -“Body of Lies“ von Ridley Scott, in dem es um einen Konflikt zwischen zwei Agenten geht, von denen einer in der realen Welt unterwegs ist und Operationen plant, und der andere, sein Chef, ihn von Langley aus anhand von Satellitenbildern dirigiert. Dabei geht natürlich alles schief, was schiefgehen kann. Warum der Film diesen Titel hat, und warum der Körper Osama Bin Ladens nach dem realen Kommandoeinsatz im Meer verschwand und warum entschieden wurde, das Foto von seiner Leiche, als könne es tatsächlich als Beweis für irgendetwas gewertet werden, nicht zu veröffentlichen, weiss niemand – und deshalb muss man als Verschwörungstheoretiker jetzt sofort alle möglich erscheinenden Plotstränge und Varianten der Geschichte ausloten, erzählen, aufschreiben und als Blogeinträge und YouTube-Filme im „Möglichkeitsraum“ Internet veröffentlichen, so dass auch wirklich keiner mehr einen Überblick hat.

Ja, der Überblick. Die Leute auf dem Bild haben ihn jedenfalls, und das scheinen sie dem Zielpublikum auch erzählen zu wollen. Sie sitzen da und schauen sich ein Ballerspiel an. Endlich kommt es zu dem ersehnten Moment, in dem die Hassfigur des Hasses niedergemetzelt wird. Doch niemanden scheint es zu freuen und auch nicht zu schmerzen. Sie haben sich ganz unter Kontrolle, und Kontrolle ist ja auch das bessere Genießen, hat schon Freud gesagt, Lacan natürlich auch, und Eva Illouz hat in ihrem Werk darauf hingewiesen, dass die Beherrschung der eigenen Emotionen, besonders in Amerika, der Schlüssel zu Geld, Macht und sozialem Aufstieg ist. Der Präsident der Vereinigten Staaten, das fiel dem Publikum im Vortrag im HAU auf, sonnt sich nicht in der Siegerpose des historischen Triumphs. Es ist ein eher „demokratisches“ Bild, bescheiden tut man, was zu tun ist, und der Präsident sitzt leicht in sich zusammengesunken im Hintergrund neben einem auf eine Computertastatur tippenden General. Mein Freund K. bemerkte dazu, dass er aussieht wie ein spirituelles Medium, das die Ereignisse plant und channelt, und daher nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Das bißchen Erregung, das beim Ego Shooter Spielen aufkommen darf, schließlich sind wir alle ja auch nur Menschen, wird von der Frau im Vordergrund, der Außenministerin, verkörpert. Es hat in der Presse gleich eine Reihe von Artikeln gegeben, die der Ministerin eben genau wegen dieser Schwäche der Emotionsbezeugung die Fähigkeit zum Regieren absprachen. Ein Zuschauer in Mitchells Vortrag sagte, die Außenministerin sei das Barthes’sche Punctum des Bildes – wohl wegen der Sinnfälligkeit im Bezug auf die Gefühlsäußerung und deren gesellschaftlicher Sanktionierung. Doch das Punctum ist eher das DIN-A4-große Foto, das vor ihr, zwischen ein paar anderen Ausdrucken, einer Brille und Kaffeebechern aus Pappe, einer davon in Tarnoptik, auf dem Rechner liegt. Wenn man es vergrößert, sieht man, dass es mit gröberen Pixeln verpixelt ist, damit das Motiv nicht zu erkennen ist. Es ist gelblich braun und es könnte ein Satellitenfoto von der sogenannten Erde sein, man erkennt ein Dreieck oder einen Kreis – ich habe es sogar bei Rossmann mal ausgedruckt, weil mein Monitor nicht so gut ist – vielleicht handelt es sich um eine Luftaufnahme vom dreieckigen, inzwischen berühmten „Compound“ in Abbottabad. Man kann aber wirklich nichts erkennen, obwohl man so gerne irgendetwas sehen würde. Eine klitzekleine blutige Leiche bitte. Nein, nicht die expressionistischen Blutflecken, wie eklig, sondern das Antlitz von Osama Shaheed himself! Ich will jetzt eine Pietà herauslesen können!

Es klafft eine Absenz auf. Ein metaphysisches Loch, das von diesem speziell verpixelten, unkenntlich gemachtem Bild im Bild repräsentiert wird. Wie ein Strudel übt dieses Loch einen Sog aus und zieht den Betrachter hinein in das Bild, und beim intensiven Nachdenken darüber fällt mir gottseidank die Medusa ein und Osamas bärtiges Schreckenshaupt, die olle Medientheorie, der im Bild gebannte Schrecken, 9/11 und wie ich selbst vor dem Fernseher gesessen habe mit einer Gruppe sich freuender pakistanischer Studenten, damals in Karachi 2001, alles taucht wieder auf. Das Bild „The Situation Room“, eine Abbildung von Menschen, die vor Monitoren sitzen, könnte ja eine Neurepräsentation, eine unheimliche Verdopplung, ein sychronizistisches Feedback der Erfahrung des Schreckens sein, von dem die Menschen in der ganzen Welt gelähmt waren, als sie vor dem Fernseher saß und die Flugzeuge in die Türme knallen sahen.
„Die Moral des (Medusa) Mythos ist natürlich, dass wir wirkliche Greuel nicht sehen und auch nicht sehen können, weil die Angst, die sie erregen, uns lähmt und blind macht; und dass wir nur dann erfahren werden, wie sie aussehen, wenn wir Bilder von ihnen bertrachten, die ihre wahre Erscheinung reproduzieren. Diese Bilder sind nicht von der Art jener, in denen künstlerische Fantasie unsichtbares Grauen zu gestalten sucht, sondern haben den Charakter von Spiegelbildern. Unter allen existierenden Medien ist allein das Kino, das in gewissen Sinne der Natur den Spiegel vorhält und damit die „Reflexion“ von Ereignissen ermöglicht, die uns versteinern würde, träfen wir sie im wirklichen Leben an. Die Filmleinwand ist Athenas blanker Schild.“ (Siegfried Kracauer: Das Haupt der Medusa; in: Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit, Frankfurt 1985, S. 395, zitiert in: Jörg Trempler: The Medusa Touch. Vom Schrecken im Zeitalter der Television, in: Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.), Bild und Medium. Kunstgeschichtliche und philosophische Grundlagen der inderdisziplinären Bildwissenschaft, Köln 2006, S. 164-177)

Die amerikanische Regierung nahm irgendwann innerhalb des von ihr erklärten „War on Terror“ die Praktik auf, den mutmaßlichen Terroristen von in Langley, Virginia stehenden Monitoren aus mit unbemannten Drohnen die Häuser zu zerschießen. Ich könnte jetzt in Wikipedia nachschauen, um herauszufinden, wann zum ersten Mal unbemannte Drohnen zur Bombardierung eingesetzt wurden, um diesen Argumentationsstrang zu belegen, doch hier geht es um Spekulation. Die Erdoberfläche war im Lauf der Geschichte mit Sattellitenkameras, GPS, Messgeräten, Mobilfunk- und Radarnetzen überzogen worden. Kein winziger Fleck sollte diesem allwissenden Satelliten-Auge verborgen bleiben. Mit Tarnkappenhubschraubern flog man in der Nacht zum 1. Mai in Abbottabad ein.
In dem satirischen Roman „La carte et le territoire“ von Michel Houellebecq schreibt ein überdrehter Kunstkritiker eine Rezension über das Werk der Hauptfigur, des Künstlers Jed Martin, der Landkarten abfotografiert und als großformatige Fotoabzüge in einer Ausstellung präsentiert hat: „Gleich in den ersten Zeilen setzte er den Standpunkt des Betrachters der Karte – oder des Satellitenfotos – mit dem Standpunkt Gottes gleich. „Mit der gelassenen Ruhe großer Revolutionäre“, schrieb er, „wendet sich der Künstler … von dem naturalistischen, neopaganistischen Weltbild ab, mit dem sich unsere Zeitgenossen herumschlagen, um das Bild des ABWESENDEN wiederzufinden. Nicht ohne einen Hauch von Dreistigkeit nimmt er den Standpunkt Gottes ein, der an der Seite der Menschen an der (Re-)Konstruktion der Welt teilhat.““

„The Situation Room“ möchte mit nicht zu übersehender Absicht erzählen, dass die Leute vor den Monitoren die Lage mit kühler distanzierter Professionalität beherrschen. Dieses Bild von 2011 deutet, auf einer tiefergehenden Sinnebene, noch einmal die Schocksituation der Zuschauer der Terroranschläge von 2001 an, die nun durch eine leichte Abänderung – der Schuldige wurde gefunden und hingerichtet – in einer neuen historischen Zäsur auf die Überwindung des kollektiven Traumas hinweist. Die Dekade des „War on Terror“ geht ihrem Ende entgegen. In den Bildwelten, die aus den Control Rooms in die „Digital Hall of Mirrors“ (Sontag) gesendet werden, wird es jedoch weiterhin zu lärmenden Rückkopplungen kommen. Barack Obama deutete in seiner Presseerklärung zum Tod Osama Bin Ladens an, dass das Wünschen im Universum noch nicht zu Ende ist: „The cause of securing our country is not complete. But tonight, we are once again reminded that America can do whatever we set our mind to.“

Prof. Mitchell, wie er am Ende seines Vortrags erzählte, erlebte am Morgen des 11.09.2011 eine unheimliche Verdopplung, sinnfällige Ereignisse trafen auf unterschiedlichen Realitätsebenen zusammen. Er hatte ein Seminar über die Theorie Marshall McLuhans geleitet, und nun fragte er die Studenten, wie sie weiterarbeiten wollten. Sie schlugen vor, fern zu sehen, um McLuhans Thesen an konkreten Beispielen zu belegen. Sie schalteten den Fernseher ein, und dann stürzten die Flugzeuge in die Türme. Prof. Mitchell bemerkte, ja, wenn man an diesem Morgen ein Foto von ihm gemacht hätte, vor dem Monitor unter seinen Studenten sitzend, dann hätte er – der das Wissen oder die Gabe hatte, diese unterschiedlichen Ebenen sofort erkennen, lesen und verstehen zu können – wohl genau so ausgesehen wie Barack Obama im „Situation Room“.



„The metaphor of today may become literal tomorrow“
19. Mai 2011, 09:50
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W. J. T. Mitchell at HAU1, Berlin: „The historical uncanny. Phantoms, Doubles, and Repetition in the War on Terror.“



TV Buddha
8. Mai 2011, 19:56
Filed under: 2011




A ghost is undead
2. Mai 2011, 22:46
Filed under: 2011

May 1st, 2011, Hermannplatz, Kreuzberg, Berlin




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