Christina Zück: Defence Phase II Karachi


Civil Lines
29. September 2008, 10:40
Filed under: 2008

Ich hatte vergessen, wie es ist, wenn man in Südasien ankommt, dass es, wenn man nach dem Flug endlich in seinem Hotelbett liegt, genauso unerträglich ist, als säße man noch über der Turbine an der Tragfläche. Der Ventilator eiert rumpelnd an der Decke herum, die Klimaanlagen aus den Nachbarhäusern sind ohrenbetäubend, Strom fällt aus, der Generator schaltet sich ein, man friert und ist gleichzeitig schweißgebadet, an Schlaf ist nicht zu denken. Ich dämmere ein paar Stunden vor mich hin und nehme dann eine Motorrikshaw zum Goethe Institut. „Frauen fahren am besten mit Rikshaw“, sagte Jentilal auf der Fahrt vom Flughafen, „das ist sicherer als ein geschlossenes Taxi, zur Not springst du halt raus. Sag dem Fahrer „next to Marriott, Marriott ke pichhe“ dann findet der den Weg.“ Ich fühle mich, als hätte ich einen enormen Kater und kann kaum die Geldscheine auseinanderhalten. Die Rikshaw rast 15 Minuten lang durch den Stadtverkehr, biegt in eine Seitenstraße ein, wo sie breite, rotweiß gestrichene Betonbarrieren stoppen. Mein Dämmerzustand ist wie weggeblasen. „Aren’t you e’scared?“ fragt der Fahrer. Vor vier Tagen hatte es einen verheerenden Bombenanschlag auf das Marriott Hotel in Islamabad gegeben. Ich gehe auf den Sicherheitschef zu, der die Kontrollstation überwacht, und frage nach dem Weg. Zwei Uniformierte untersuchen ein Auto mit Spiegeln, die an Besenstielen angebracht sind. Dies ist der Seiteneingang des Marriott.

„Civil Lines came into existence when the army handed 233.3 acres of Artillery ground between Railway Line, Ingle Road and Elphinstone Streeet to the civic authorities. It emerged as a major civic centre of the city, with mainly civic and amenity buildings an a block of 6000 square yards residential plot. The civic and community buildings consisted of Frere Hall with its Garden (1859-65), Governor’s House, Trinity Church, Commissioners Office, Masonic Lodge, Collectors’s Bungalow, Superintending Engineer’s Office, and tea-blending factory. The area, with its enormous sized plots approached by meandering streets, remained Karachi city’s green lung for a long time. Thereafter, the larger residential plots were subdivided and Parsis along with Hindu businessmen started to occupy them. Sindh Club, Karachi Club, and the Metropole Hotel are some of the better known buildings which emerged in this area later. Before the First World War, areas of the native population were distinct from those of the British. Afterwards, there was an upper class of Anglo-Indians who began to move into the more prestigious quarters of the city. New residential areas were also developed for affluent native Karachiites, which include Amil Colony, Katrak Parsi Colony and Bath Island.“ quoted from: Yasmeen Cheema, „The Historical Quartes of Karachi“

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Transit
26. September 2008, 10:04
Filed under: 2008

Meine Kamera – ich habe inzwischen das Sony-Upgrade in ein Lumix umgetauscht, da es bei 10 Megapixeln eine schlechtere Bildqualität hatte als das zwei Jahre alte Vorgängermodell mit 6 Megapixeln – das Lumix also hat eine Szenenerkennungsfunktion: neben „schöne Haut“, „Sport“, „Speisen“, „Taliban“, „Kerzenlicht“, „Baby 1″, Baby 2“, „Tier“ und „Sonnenuntergang“ gibt es auch die Einstellung „Luftaufnahme“, sie wurde extra für Leute wie mich gemacht, die gerne aus dem runden Flugzeugfenster fotografieren. „Schalten Sie die Kamera während des Startens und Landens ab. Folgen Sie den Anweisungen des Flugpersonals.“ steht auf dem Bildschirm, bevor es sich umschalten läßt. Das Autofocusobjektiv, das eine echte materiallose Unendlichkeit im Gegensatz zu der durch einen Horizont begrenzten Unendlichkeit einer Landschaft nicht erkennt, kann so auf den vagen Raum des Himmels scharfstellen.

Doha Airport

Als ich in Doha den Wartebereich des Gates für den Flug nach Karachi betrete, ändert sich die Situation. Schluss ist mit der bunten kommerzialisierten Multikultiwelt. Ich bin jetzt die einzige westliche Person, soweit ich es erkennen kann. Die anderen Leute starren mich erstmal an, bis sie sich an den Anblick gewöhnt haben. Ich bin von nun an exotisch. Das Flugzeug ist proppenvoll, alles wuselt, in jeder Sitzreihe schreit ein Kleinkind, der Service von Qatar Airways ist nicht mehr so auf den Punkt, wie auf dem Flug von Berlin nach Doha. Aber alle Leute interessieren sich füreinander. Ich sitze neben einer älteren Dame und ihrem Mann, die gerade ihre Tochter in Toronto besucht haben und schon seit 17 Stunden unterwegs sind. Nach einiger Zeit stehe ich auf, um mich mal zu bewegen, und gerate zwischen zwei Servicewägen, von denen die Stewardessen im Schneckentempo Getränke verteilen. Weiter hinten in einer Reihe sehe ich drei Vollbartträger mit weißen Kappen, eine Reihe dahinter sitzen drei schwarzverhüllte Frauen, wohl ihre Ehefrauen. Ich bin eingeklemmt und stehe glotzend im Gang herum. „Bist du Deutsche?“ spricht mich jemand an. „Ja, kann man das so leicht erkennen?“ „Nur ’ne Deutsche kann so verrückt sein, alleine nach Karachi zu fliegen.“ Wir fangen an zu plaudern. Farhan ist in Stuttgart aufgewachsen, seine Mutter ist Deutsche, er schreibt jetzt in Berkeley an seiner Doktorarbeit in Islamwissenschaft. Ich setze mich wieder und starre aus dem Fenster. Da taucht ein Zipfel von Karachi auf, ein Muster aus Lichtpunkten, Stiche in meiner Herzgegend hier oben im Flugzeug. Nach der Landung gibt es keine Gangway, die Uniformen des Bodenpersonals sind hellblau und ich sehe auch keinen Aufzug, der von einem Level zu einem anderen führen könnte. Auf dem Rollband holt mich Farhan ein. Er erzählt mir seine Erfahrungen und ist ziemlich beunruhigt, dass man ihn nicht einreisen läßt. Ich auch.
Aber ich bin nicht mehr alleine beim Ankommen. Es ist 6h30 morgens hier, etwa 2h30 Berlinzeit, eine ganz normale Zeit also, zu der man gewöhnlich noch in irgendeiner Kneipe herumsteht. Wir gelangen in den Saal mit den Einreise-Schaltern und stellen uns in einer Reihe an, weiter plaudernd. In dem Raum mit etwa zwölf Schaltern und je einer Schlange von dreißig Personen bin ich immer noch die einzige weibliche westliche Person. Die Männer tragen Shalwar Kameez, lange Hemden mit Pluderhosen, meist weiß, und einige haben Turbane, mit Perlen bestickte Kappen und diese karierten Tücher auf dem Kopf, die in Mitte gerade als Schal total in Mode sind. Fehlen nur noch die Ziegen, erwische ich mich bei einem eurozentrischen Überlegenheitsgedanken. Ein Westler, der uns Deutsch reden hört, sagt uns, daß die Schlange für foreign passports weiter hinten ist. Dort sehe ich Jeannette, die freudig auf mich zu rennt. Sie ist gerade mit der Emirates-Maschine aus Dubai angekommen, ebenfalls aus Berlin und wird zur gleichen Zeit wie ich in Karachi sein für ein Residency bei der Künstlerorganisation VASL. Auch sie macht sich ziemlich Sorgen, nicht ins Land gelassen zu werden – der Geburtsort, der in ihrem Pass steht, ist Kabul. Vorne auf dem Desk stehen kleine runde Fischaugenkameras, die alle Einreisenden filmen. In der Reihe neben uns hat sich ein alter Mann mit Turban auf den Boden gehockt und sortiert seine Papiere. Wir stehen nun zu dritt unter den Wartenden und schnattern laut und aufgeregt auf Deutsch, irgendwie fühlt es sich an, wie auf einer guten Party nachts um halb drei, als wäre ich betrunken, jede Art von Angstgefühl ist wie weggeblasen. Farhan spricht den Europäer vor uns an, auf seinem Metallkoffer klebt ein „D“. Ja, er ist Deutscher. Was er hier macht? Nach Öl bohren. Fünf Wochen in einem Camp in Sindh für eine deutsche Firma arbeiten und danach fünf Wochen frei haben. „Weißt du, wo das Emsland ist?“ fragt er Farhan. „Ich bin in Stuttgart aufgewachsen“, kichert Farhan. „Wie ist das denn so mit der Sicherheitslage auf dem Land?“ „Ich war vorher in Nigeria, da konnte ich mich nur mit bewaffneten Bodyguards bewegen. Da wo ich arbeite, das ist einfach mitten in der Wüste.“ Farhan fängt an mit dem Mann zu flirten. „Hast du in der Schule nicht aufgepasst: Weser, Elbe, Ems, das sind die wichtigsten deutschen Flüsse.“ Farhan ist jetzt an der Reihe. Sie winken ihn nach einer kurzen Passkontrolle durch. Jeannettes Adresse in Karachi fehlt noch auf ihrem Einreisformular. Sie gerät ein bißchen in Panik, reißt ihr Macbook aus dem Rucksack und fährt es auf dem Schalter hoch. Ein Mann hinter uns beschwert sich, dass alles so lange dauert. „We’re very sorry“, sage ich. In der Reihe neben uns haben sich die Männer aus zwei Reihen in einer Traube zum Schalterbeamten vorgedrängt und reden auf ihn ein. Links neben uns scherzt ein Mann laut mit dem Beamten. Jeannette startet ihr Mailporogramm. Sie findet die Email mit der Adresse nicht.

1. Bodenfoto, Jinnah International Airport



Salaam Karachi
25. September 2008, 11:29
Filed under: 2008




Venus des 21. Jahrhunderts
19. September 2008, 19:18
Filed under: 2001

Hawkes Bay, Karachi, 15. September 2001



Das Kulturerbe der Moguln
18. September 2008, 11:46
Filed under: 2008

Taj Mahal, Agra 2007

Dargah des Hazrat Nizamuddin Auliya, Delhi 2007




Gori Mezile
17. September 2008, 11:15
Filed under: 2001, 2008


Der inzwischen in Lahore lebende Künstler David Alesworth hat mir die Anstecknadeln geschenkt. Er ist ein Spezialist in pakistanischer Popkultur und sammelt unter anderem diese Pins. Sie wurden anläßlich eines Nationalfeiertags herausgegeben.

David Alesworth, an artist who lives and teaches in Lahore now, gave me the pins in 2001. He is a specialist in Pakistani pop culture and has a collection of these pins that came out on the occasion of a national holiday.



Das Wahrzeichen von Karachi
17. September 2008, 10:48
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In dem Traum ging ich am Stadtstrand von Clifton spazieren. Es waren unglaublich viele Menschen unterwegs, weiter vorne war eine größere Menge zusammengekommen, ein paar Kleinbusse standen herum. Zwischen den Autos lag ein riesige Metallstruktur, scheinbar die Spitze eines Monuments. Sie bestand aus zwei gekreuzten, rot angemalten Stahlbändern, deren Enden sich nach oben bogen und nach vorne hin spitz zuliefen, wie im Wind flatternde Fahnenenden. Sie hatte einmal auf einer runden Kapsel, die man begehen konnte, gestanden. Die Aussichtsplattform war schon abtransportiert worden. Jetzt lag die Spitze da wie eine große rostige Spaghettigabel, die hilflos die Arme ausstreckt. Ich versuchte, ein Foto zu machen, aber es standen zu viele Leute herum, und aus der Zentralperspektive wirkte das Bild uninteressant. Die Transporter sahen auf dem Display der Digitalkamera wie Krankenwagen aus. Ich sprach mit dem Mann, der den Abtransport leitete, es war ein deutscher Architekturhistoriker. Das Monument sollte in Berlin wieder aufgebaut werden, in einem Museum vielleicht. Wie anstrengend, dachte ich, deutsche Wissenschaftler waren schon wieder überall unterwegs. Ich ging weiter am Strand entlang, die Küste zog sich in vielen Kurven durch die Landschaft.

Heute morgen dachte ich über die Form des Monuments nach und erinnerte mich, dass ich gelesen hatte, dass Zulfikar Ali Bhutto das Rote Kreuz in Pakistan in Roter Halbmond umbenannt hatte.