Christina Zück: Defence Phase II Karachi


Nighttime Nostalgia
21. Dezember 2008, 13:58
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Ich Dich Auch
21. Dezember 2008, 03:21
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Saudi Embassy
9. Dezember 2008, 13:57
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Das koreanische Restaurant in der Nähe des Shaun Circle – der tatsächlich Schön Circle heißt, benannt nach Schön Properties, einer Immobilienfirma, deren Vision es ist, Karachi in Dubai zu verwandeln – sah aus, als würde man sich in einem unbekannten Land befinden. Die Kellner waren Pakistaner, die Gäste meistens Geschäftsleute aus Japan, China oder Russland, es gab endlich mal keine Familien, und an der Kasse saß eine ältere Koreanerin, wohl die Chefin – gewöhnlich sah man nie eine Frau in einem Restaurant arbeiten. Der Laden hatte etwas Entspannendes. Berühmt war er dafür, dass es Bier gab, einfach so. Ich ging manchmal mit Amir hierher. Wir fuhren nachts in seinem Auto herum, entlang der leeren Straßen zwischen Defence und Clifton, vorbei an Bungalows hinter Mauern und Commercial Areas mit freistehenden Rohbauten. Amir hatte seinen 40GB iPod angedockt, auf dem sogar Xavier Naidoo und Fettes Brot neben allen A.R. Rahman Klassikern gespeichert waren, wir hörten „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel, Amir sang leise den Refrain mit. Egal in welche Richtung man fuhr, irgendwann kam man an der Saudi Embassy vorbei, ein mit Betonbarrieren gesicherter Hochsicherheitsklotz – eigentlich bloß das Generalkonsulat, aber der Name war hängengeblieben aus der Zeit vor 1958, als Karachi noch Hauptstadt war. Jetzt war es ein landmark in einem Meer aus Planquadraten zwischen Zamzama, Phase 5 und Phase 6, das Wohngebiet drumherum hatte sich ebenfalls diesen Namen zugezogen. Amir erzählte gerne Horrorgeschichten von nächtlichen Überfällen. Sobald man an einer Kreuzung anhielt, würden sie einem die Knarre vorhalten, aber nicht, um das Auto und das Handy zu klauen, sondern man würde entführt und die Familie um Lösegeld erpresst, er kannte auch einige echte Stories aus seinem entfernten Bekanntenkreis. Nach elf rief ihn seine Mutter regelmäßig an – aus Sorge. Newsline hatte gerade eine Titelgeschichte die über die Taliban gebracht, die sich mit der lokalen Mafia verbünden würden, um durch Kidnappings ihre Aktivitäten zu finanzieren, Amir arbeitete seit ein paar Wochen als Praktikant bei Newsline und sein Job war, einige der Artikel zu überarbeiten. Nachts, vom Beifahrersitz aus gesehen, hatte die Stadt etwas gefährlich Erhabenes.

Ich war nach einer Dose Heineken, da es so etwas so selten gab, betrunken und wollte immer mehr davon bestellen. Amir war zwei Tage lang in Islamabad gewesen, um ein amerikanisches Visum zu beantragen. Er studierte in New York und hatte sich ein Urlaubssemester genommen, um, wie er sagte, seinem Land eine Chance zu geben – mal schauen, ob er hier wieder leben könne. Nächstes Semenster würde er wieder zurückgehen. Um das Visum zu bekommen, muss man zu einem Verhörinterview bei der Amerikanischen Botschaft in der Hauptstadt anreisen. Er hatte mal kurz vorgeschlagen, dass ich ihn begleiten könne, um einen Eindruck von Islamabad zu bekommen, aber er hatte es sich anders überlegt. Vermutlich wäre es nicht sehr sinnvoll gewesen, sich in Begleitung einer verdächtigen westlichen Person mit unklaren Motiven in Islamabad zu bewegen. Sein Taxi war am Abend seiner Ankunft alle 500 Meter kontrolliert worden, sie hatten ihn jedesmal dasselbe gefragt, von wo er komme und wohin er fahre. Das Botschaftsviertel sei ein Staat für sich, man müsse einen speziellen Bus nehmen und später in einer Schlange mit dreihundert anderen Menschen anstehen, um „einzureisen“. Wenn man einen Termin um 10 Uhr hätte, und dies werde fünfmal überprüft, würde man erst um halb zwölf in der zweiten Schlange vor der amerikanischen Botschaft ankommen. Dort fand eine ähnliche Prozedur statt. In den Gängen konnte Amir aus den geöffneten Türen die Stimmen der anderen Antragsteller hören. Er musste eine Liste mit detaillierten Fragen beantworten und Kontoauszüge vorlegen, der Beamte sah ihm dabei nicht in die Augen. Schließlich bekam er das Visum. „Du hättest mitkommen sollen, du hättest es nicht geglaubt.“ Wir bestellten noch eine Dose Heineken. „Und nun stell dir vor, was sie jedesmal mit mir machen, wenn ich in JFK ankomme. Da gibt es spezielle Räume irgendwo im Verwaltungsbereich des Terminals, und da bringen sie mich hin, lassen mich warten und überprüfen mich drei bis vier Stunden lang, bevor ich raus kann – das alles nach 20 Stunden Flug.“ Im Restaurant fingen sie an, die Stühle hochzustellen. „Und? Willst du in Pakistan bleiben?“
Amir fuhr mich nach Hause, er nahm den Weg über den Sunset Boulevard, der inzwischen mit riesigen, bemalten Lastern vollgestopft war, die ab Mitternacht in die Stadt fahren dürfen. Plötzlich musste er bremsen: auf der Straße vor uns lief ein winziges Katzenbaby, es verschwand unter unserem Auto – Aufschrei hier drinnen. Ich versuchte auszusteigen, aber neben meiner Tür hatte sich ein Motorradfahrer heruntergebeugt und kroch unter das Auto. Es gelang ihm das Kätzchen festzuhalten, in hohem Bogen warf er es an den Straßenrand, wo es auf den Füßen landete und in Richtung Sicherheit tapste.

Amir hatte mir nachts noch eine SMS geschickt, MUMBAI MULTIPLE BLASTS 25 KILLED, aber ich hatte schon geschlafen und las sie erst am Morgen. Ich bat Zaheer, der in seiner Bibliothek am Computer arbeitete, sofort den Fernseher einzuschalten. Es war viel schlimmer als multiple blasts, es hatte auch Amokläufer gegeben und Geiseln wurden immer noch an mehreren Orten festgehalten. Was wir tun konnten, war sofort alle Bekannten in Mumbai anzurufen. Meine Freunde, die direkt neben dem Taj wohnen, hielten sich glücklicherweise in Goa auf; bei Zaheers Freunden waren die Terroristen in den Appartmentblock eingedrungen, eine Familie wurde in einer Nachbarwohnung als Geiseln gehalten. Das Boot sei aus Karachi gekommen, auf der üblichen Schmuggelroute, Zaheer, der 25 Jahre zur See gefahren war, kannte sich aus mit den Praktiken von Schmugglern – am Tag davor hatte er mir noch Geschichten über Bestechung beim Zoll erzählt – sicher hätten sie einen Stapel Fernseher oder DVD-Player über den Waffen liegen gehabt, und den Zollbeamten das übliche Schmiergeld gezahlt, schöne Scheiße. Kunal, am Telefon in Goa erzählte, dass sie die allermodernsten Waffen hätten, nicht mal das indische Militär hätte diese Geräte, und man würde sich fragen, wo das Zeug herkäme.

Später ging ich raus, ich fühlte mich trotz des Horrors glücklich, die Sonne schien, die Temperaturen waren auf etwa 28 Grad gefallen, das Licht war wärmer und voluminöser, die Bougainvilleen blühten und die Krähen krähten, die chowkidars grüßten mich freundlich und fragten, ob ich nicht noch ein Foto machen wolle. Wa aleikum assalaam. Über mir einer der Adler. Ich betrachtete ihn durch das Objektiv, das Glitzern der Linse schien seine Aufmerksamkeit anzuziehen, er zog Kreise um mich herum. Sein Körper wiegte sich leicht hin und her, während seine Flügel bewegungslos durch die Luft gleiteten. Was wäre, wenn einer der Adler zufällig Hitchcocks „Vögel“ gesehen hätte und nun mit seinen Artgenossen auf die Idee käme, das nachzumachen: Menschen zu attackieren? Auf dem Weg nach Kemari gibt es eine Brücke, auf der die Leute den Adlern Fleischstücke – rohe Kuhlungen – zuwerfen. Schwärme von Raubvögeln stürzen sich im Flug darauf, jemand erzählte mir dort, dass es Kreaturen Gottes seien, die die Wünsche der Menschen erfüllen können. Die Schwärme bilden eine schwarze Wolke um ein im Bau befindliches Hochhaus herum, neben der der Mangrovenlagune beginnt das Hafengebiet, militärisches Sperrgebiet. Es sind gar keine Adler, fand ich heraus, sondern Milane, die Sindhis nennen sie cheel, auf Englisch black kite oder pariah kite. Der Symbolvogel der pakistanischen Armee ist der Wanderfalke, den man auch sehr oft als Motiv auf bemalten Lastwagen sieht, in seinen Klauen zerdrückt er meist eine kleinere, blutspritzende Taube. Ich war immer noch in einem Rauschzustand. Der Tierblick aus der Luft fixierte mich, während ich weiterging. Ich würde ein paarhundert Meter zu Fuß gehen bis zur West Avenue, wo es mehr Taxis gab, und auf eine Rikshaw warten. Ich würde mich mit beiden Händen am Metallgriff hinter dem Fahrersitz festklammern und achterbahnmäßig in die sechsspurige Korangi Road einbiegen.

Was für Katastrophen waren in den zwei Monaten passiert – das Marriott in Islamabad war vier Tage, bevor ich nach Pakistan fuhr, in die Luft gesprengt worden, es hatte ein enormes Erdbeben in Quetta gegeben, vor dem Theaterfestival in Lahore waren kleinere Bombensätze explodiert, immer wieder hatten Selbstmordattentate in Peshawar, Dera Ismail Khan und sonstigen Nordwestprovinzen stattgefunden, und andauernd gingen die Bombardierungen durch amerikanische Drohnen weiter, jeden Tag Drohnen. Wir hatten aber auch mit der ganzen Familie vor dem Fernseher gesessen und geweint, als Barack Obama nach der Wahl seine Rede hielt. Und nun der Angriff auf Mumbai, der zweite elfte September, hieß es, diesmal einer für Indien, enough is enough, und ich war wieder in Karachi, und alles ging aus von Karachi, behaupteten die indischen Medien, für die das Böse grundsätzlich aus Pakistan kommt.

Saira hatte ein Abschiedsessen für mich organisiert, es gab Paratha Kebabs von Bundoo Khan, dem angeblich besten Kebabladen der Stadt in der Nähe von Allah’s Roundabout. Auf dem Flachbildschirm in Sairas Wohnzimmer liefen die Bilder von Mumbai, es war der zweite Tag, die Geiseln waren noch nicht befreit, die Reporter lagen auf dem Boden und Explosionen kamen im Fünfminutentakt aus dem Taj. Zaheer hatte zur Feier des Tages drei Flaschen französichen Rotwein besorgt, woher war nicht klar, ich sollte sie in Zeitungspapier verpacken und in einer Sporttasche verstecken, weil sein Fahrer sie nicht sehen durfte, auch nicht hören. Ich musste mit den Tränen kämpfen, was für ein fieses Flashback: Dinnerparty vor Fernseher mit Katastrophenbildern. Nie endete dieser Scheißfilm. Ich hatte es nicht mehr hingekriegt, ein Dessert mitzubringen, und fragte Amir, ob wir nicht losfahren könnten, zum Beispiel nach Zamzama, vielleicht zu „Pie in the Sky“. Wir fuhren wieder die kilometerlangen Geraden in Phase 5 und Phase 6 entlang, vorbei an der Saudi Embassy, und Amir war nicht zum Plaudern aufgelegt. Er hatte keinen iPod dabei und drehte am Radio herum, es lief „Hey Jude“. Ein elegantes Restaurant namens „Espresso“ war noch offen, wir warteten auf hohen Barhockern sitzend darauf, dass sie in der Restaurantküche den Schokoladenkuchen halbierten und einpackten. Wir schwiegen, es dauerte schon zwanzig Minuten, ab und zu sprang ich wie eine überdrehte begum sahab auf und sagte: „Oh please, could you just wrap up the cake and give it to us?“



Museum Pt. 3: PAF Faisal Airbase
7. Dezember 2008, 00:12
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Darf ich’s mal anfassen?
6. Dezember 2008, 21:15
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