Christina Zück: Defence Phase II Karachi


In The Line Of Fire Pt. 3: Naked On The Dancefloor
23. Februar 2009, 17:16
Filed under: 2009

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Ceci n’est pas une peinture de Magritte
23. Februar 2009, 17:07
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Shrouded Heads
13. Februar 2009, 01:43
Filed under: 2009

Einen schönen, irrealen Blick hatte man aus dem „Windows of the World“-Raum der Akademie der Künste, es fühlte sich fast an wie in einer Fernsehshow, mitten im sterilen Herz Deutschlands, es hatte einen durchaus einschüchternden Effekt. Ich klickte meine Irritation mit den Powerpointfolien weg und erzählte etwas über das Bildgedächtnis und das Bildunbewußte – ich hatte es nicht gewagt, auch noch die Frage nach dem rätselhaften benjaminschen „optischen Unbewußten“ zu stellen, weil das nun doch zu viel gewesen wäre für die einen, und unter den anderen im Publikum wären vielleicht Hardcore-Benjaminianer anwesend und hätten mich gnadenlos zu Benjamin auseinandergenommen. Ich zeigte im Internet gesammelte Fotos von Festnahmen. Es schien einen Moment lang, als drehte sich der Vortrag um die Praktik der pakistanischen Polizei, beim Festnehmen den Tatverdächtigen den Kopf mit einem Tuch zuzuwickeln. „Warum machen die das?“ tauchte als Frage auf, liess sich aber nicht beantworten – vielleicht würde sie den Raum für alle möglichen Spekulationen öffnen, die man weiterspinnen könnte, eine Spinnerei halt, so wie Gandhi gesponnen hat, Ihr wisst schon.

Das Motiv des shroud, des Einhüllens in ein Tuch oder Leichentuch, war mir zum ersten Mal im Sommer 2007 begegnet, als ich den indischen Fotografen Ravi Agarwal kennenlernte. Er hatte mir seine Arbeiten „Alien Waters“ und „immersion emergence“ gezeigt. Während einer persönlichen Krise hatte er lange Spaziergänge am Ufer des Yamuna unternommen und sehr beeindruckende Landschaftsfotos gemacht. Der Fluss, der einst zum Stadtleben Delhis gehörte, hatte sich zu einer an „Stalker“ erinnernden Zone entwickelt, vergiftet durch Umweltverschmutzung, gesäumt von Industrieruinen und Slums. Ravi hatte sich am Flussufer in ein Leichentuch gehüllt und Aufnahmen von sich selbst gemacht. Es half ihm, seine Trauerphase zu überwinden, und erweiterte seine künstlerische Arbeit vom Fotografischen in etwas noch Undefiniertes. Der Fluss symbolisiert in der Hindumythologie den Zyklus von Tod und Wiedergeburt, einer der heiligen Flüsse Indiens ist der Yamuna, der in den Ganges mündet, nach ihm ist eine Gottheit benannt. Als ich nun im November 2008 am Schrein des Abdullah Shah Ghazi, des Stadtheiligen von Karachi – im Land der reinen Muslime also – vor einem in ein Baumwolltuch gehüllten Schlafenden stand, zögerte ich etwas, ein Foto von ihm zu machen, denn es erinnerte mich sehr an Ravis Arbeit. Abgesehen davon, dass der Schlafende wie ein Toter aussah, was aber so evident wie die Faust aufs Auge war, würde ich damit Ravis Bild aufgreifen: klauen und woandershin entführen. Dieses Foto wurde als Pressefoto für „embedded art“ ausgewählt. Die Hannoversche Allgemeine veröffentlichte es und untertitelte es: „Trauriger Alltag in Karachi.“ Diese Geschichte erzählte ich nicht im Vortrag, sie tut neben allem anderen auch nichts zur Sache, warum in Pakistan Terrorverdächtige verhüllt werden.

Einer der Gäste meldete sich zu Wort und sagte, er verstehe nicht, worüber hier geredet werde. Wenn er zum Beispiel einen Tatverdächtigen sichern und sich mit der Person durch eine Menge einen Weg bahnen müsste, würde er genauso vorgehen wie die Polizisten auf dem Foto. Die Augenbinde hindere die Person daran, sich zu orientieren und Fluchtmöglichkeiten zu ergreifen, die Waffe diene zur Eigensichterung. „Da sind sie jetzt endlich“, ging mir sofort durch meinen von vielen Kriminalfilmen und konspirativen Narrativen durchfluteten Kopf. Da ich wahrscheinlich nie in meinem Leben in die Situation kommen werde, eine Person sichern und mit vorgehaltener Pistole durch eine Menschenmenge führen zu müssen, die Sache also von einer ganz anderen Perspektive aus als „unserer“ betrachtet wurde, kam das kollektive Unbewußte in meinem Hirn schnell zu dem Schluss, im Publikum sitze also die Polizei. Schon am Freitag davor hatten wir hier im Panoramaraum, der für das Begleitprogramm von „embedded art“ temporär in „Bar zur Inneren Sicherheit“ umbenannt wird, mit den durchsichtigen Longdrinks von Yörn Buttelmann in der Hand herumgestanden und uns die obligatorischen Gedanken darüber gemacht, ob denn „Polizeispitzel“ zu den Vorträgen kämen. Moritz R hatte einen Typen in Verdacht, der gerade mit Moritz von Rappard redete, und während wir nun alle die auf einer Mies-van-der-Rohe-Liege sitzenden Gesprächspartner anglotzten, erzählte er sehr amüsante Spitzelgeschichten aus den achtziger Jahren. Gerne würde ich ihnen mal begegnen, den Spionen, von denen man überall hört. Wie würden sie aussehen? Hinter was für einem Wissen wären sie her? Um nochmal vom Thema abzukommen, der Tatverdächtige, um dessen Kopfverhüllung wir im Vortrag diskutierten, den sie als Hauptdrahtzieher des 11. September bezeichneten, ist, wie auf einem kleinen Flashvideo auf der ORF -Website zu sehen ist, bei seiner Festnahme nicht so ganz gesichert. Der Tatverdächtige wird von einem Beamten in Zivil fest umarmt und durch die Menge gestoßen, hat aber beide Arme zum Herumgestikulieren frei. Wie ein Popstar wirft er die linke Hand triumphierend in die Luft, während er „Allah Hu Akbar“ schreit.

Nach dem Vortrag gingen wir ins“Casolare“. Es war Fischtag, als ich ankam, standen auf dem Tisch bereits Farfalle mit Thunfisch und ein Teller mit gebratenen, ziemlich großen Sardinen, die sie hoffentlich mit Netzen gefangen hatten. Der Mann aus dem Publikum war tatsächlich Polizeibeamter, erzählte Olaf, hatte jedoch betont, privat gekommen zu sein. Er hatte sich nach Korpys und Löfflers Taser-Trainingsvideo erkundigt. Seine Ausbilder, Leiter von Trainingsgruppen, würden sich freuen, wenn sie noch mehr anderes Informationsmaterial bekommen könnten. Irgendjemand hätte das Video bereits ins Intranet der Polizei gestellt, „Was ihr nicht wißt“, Olaf senkte seine Stimme, „einen Tag nach der Eröffnung wurde die DVD aus dem Player in der Installation gestohlen.“ „Nein! Die Polizei klaut ihr eigenes Trainings-Video?“ „Dieser Mann weiss ja offensichtlich nichts davon, sonst hätte er ja nicht unschuldig nach mehr Informationen gefragt.“

Andree Korpys und Markus Löffler haben eine Lehrveranstaltung der Polizei zum Umgang mit der Taser Elektroschockpistole gefilmt und das Filmmaterial für ihre Videoinstallation bei „embedded art“ verwendet. Dabei testen einige Teilnehmer die Wirkweise der Pistole an sich selbst und lassen sich 50 000 Volt Strom in den Körper jagen. Es mutet sehr seltsam an, wenn man mit einem Capuccino und einem von Sarah Wieners leckeren Topfenkuchen in der Cafeteria der Akademie sitzt und von Zeit zu Zeit ein lautes „Aaaarrrghh“ aus der Installation herüberklingen hört – ich muss immer kichern, denn: hier harpuniert sich die Polizei selbst. Tapfer wie Chris Burden, ein Aktionskünstler, der neben einigen anderen selbstzerstörerischen Kunstaktionen sich auch einmal eine Gewehrkugel durch den Arm schießen liess, werden die Probanden von zwei Kollegen festgehalten und, wenn sie sich dann nach dem Schuss schreiend in Konvulsionen winden, sachte zu Boden geleitet. „War nicht so schlimm, ne?“ hört man einen sagen. Betitelt und unterlegt haben Korpys und Löffler den Film mit der Komposition „Gesang der Jünglinge“ von Karlheinz Stockhausen, die, wie mir Wikipedia erklärt, das erste Werk in der Musikgeschichte ist, das versucht, elektronisch erzeugte Töne an gesungene Töne anzunähern, und gesungene an elektronisch erzeugte. Aha, es geht um Anpassung des Menschlichen an das Maschinelle und um Umformung. Der Text, der in dem Stück gesungen wird, erzählt die alttestamentarische Geschichte von Schadrach, Meschach und Abed-Nego, die von König Nebukadnezar in einen Feuerofen geworfen wurden und unbeschadet wieder herauskamen. Korpys und Löfflers Video läuft auf einem Fernseher, der an seiner dafür vorgesehenen Stelle in einer Wohnzimmerschrankwand steht, in einem kleinen Raum, den sie aus weiteren, besonders grotesken, schwarzlackierten und verspiegelten Wohnwänden gebaut haben. Es sind die geschmacklosesten, die Andree und Markus bei Ebay finden konnten, würde ich vermuten, und auf die Frage hin, warum sie sie mit dem Video kombiniert haben, bekomme ich wie gewohnt nur einsilbige Antworten. Ich muss also rätseln.
Handelt es sich bei den Leuten, die ja auch ganz vernunftbetonte Staatsbeamte in Ausübung ihrer demokratisch legitimierten Dienstpflicht sind, nicht möglicherweise zusätzlich auch noch um die Personen, die Tom Holert und Mark Terkessidis in „Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert“ als „Einzelkämpfer im Neoliberalismus: Killerkids, Individualtouristen, Computerspiel-Krieger, Lifestyle-Rekruten und Wirtschaftssoldaten“ bezeichnen? Ein Proband trägt ein T-Shirt mit der Schrift einer thailändischen Biermarke, ein anderer eins aus Kunduz, Afghanistan, im Stil von „Abi 98 – Ich hab es überlebt.“ Die Selbstversuche zielen darauf ab, die Beamten die Wirkung der neuen Waffentechnik an sich selbst erfahren und einschätzen zu lassen, bevor sie sie an anderen Menschen einsetzen. Aber gibt es das überhaupt noch, Menschen die sich in ihrer Wahrnehmung ähnlich sind und die vergleichbare Körperempfindungen haben? Wie war es möglich, hochqualifizierte junge Polizeibeamte und, ach ja, Familienväter waren sicher auch unter ihnen, davon zu überzeugen, dass 50 000 Volt nicht schädlich für die Gesundheit seien, dass es in zehn Jahren keine Spätfolgen, Herzrhythmusstörungen oder -stillstände gäbe?

Die Arbeit, die die Lobby der Elektroschockpistolenhersteller leistet, findet ganz klar im Bereich des Fiktiven, des Geschichtenerzählens, des Imaginären – wie man es auch nennen mag – statt: erzeugt wird ein Vorstellungsbild von einer sehr hilfreichen, praktischen und harmlosen neuen Waffe. Die Körper der Probanden, auch wenn es auf dem Filmmaterial so aussieht, werden nämlich nicht bearbeitet, sie verhalten sich wie erwartet nach Vorschrift, brav und tapfer, wie es ihr Wertesystem vorsieht. Der extreme Schmerz, der sooo schlimm ja nicht ist, wird mit der Anwendung des Tasers in realen Konfliktsituationen in den Lebensbereich der nicht-trainierten, nicht-kampfausgebildeteten und nicht-gesunden Menschen als alltägliche Erfahrungsmöglichkeit eingeführt, verschoben vom Randbereich des Extremen hinein in die Normalität.
Sie werden hier, liebe Polizeibeamte, vorgeführt, und zwar nicht von den Künstlern, die sowieso immer Sinn verschieben und versuchen, die Strukturen dieser Erzählungen freizulegen, sondern auf dieselbe Weise wie die sprichwörtliche Hausfrau vom Staubsaugervertreter, der ihre Einsamkeit – ihre kleine Schwachstelle – benutzt, um ihr den neuesten Kobold 136 in Komplettausführung anzudrehen. Ihre kleine Schwachstelle, ja Sie meine ich, ist die Sehnsucht nach Unempfindlichkeit.

Im November 2007 tauchte ein Video im Internet auf, das zeigt, wie ein Mann im Wartebereich des Flughafens Vancouver von mehreren Sicherheitsbeamten mit Tasern beschossen wurde und daraufhin starb. Der Mann war, wie die Nachrichten berichteten, aus Polen angekommen und mit den Gegebenheiten eines modernen Flughafens nicht vertraut, er sprach kein Englisch und wartete darauf, irgendwo seine Mutter zu treffen. Er wurde immer verwirrter, hilfloser und aggressiver. Ein Zeuge hinter einer Glascheibe im Außenbereich hat die Todesszene zufällig auf Video gefilmt. Mit dem Einverständnis der Mutter wurde es in den Medien veröffentlicht. Irgendwann wußten ALLE, die spektakelhungrigen Medien, die investigativen Journalisten, die zufälligen Zeugen, die Aufklärer, die Künstler, die Geisteswissenschaftler sowieso, dass die Darstellung der Gewalt nicht dazu beitragen kann, die Gewalt zu stoppen. Dass die Menschen nicht auf die Straße gehen werden und die Revolution ausrufen, wenn sie noch eine Liveübertragung von einem gewaltsamen und entsetzlichen Tod eines Menschen sehen. Dass die emotionale Ladung, die für die Betroffenen und Angehörigen des grausamen Ereignisses besteht, sich auf keinen Fall in die Räume mit den Wohnzimmerschränken übertragen läßt. Dass eine geheime Komplizenschaft zwischen dem Bild und der Gewalt besteht, dass beide voneinander kontaminiert sind, und dass daraus eine Art Pornographie entsteht, ein Versuch, Affekte auszulösen und Emotionen konsumierbar zu machen, die in der Wirklichkeit eine Persönlichkeit implodieren lassen. Aber dieses Wissen, das in seiner vorbewußten Dumpfheit ziemlich präsent ist, zickt immer noch herum wie ein pubertierender Teenager, der sich weigert, in die nächste Stufe des Erwachsenenlebens einzutreten.

In Korpys und Löfflers Videoinstallation werden keine Affekte heraufbeschworen. In einer nüchternen Reihung schneiden die Künstler die immergleiche Prozedur des Getroffenwerdens und Schreiens aneinander. Man starrt ziemlich fassungslos auf die Harpuniererei, aber das wirklich Entsetzliche daran ist: dass es das gibt. Dass es das auch noch gibt, gute Güte, kann nicht mal Schluss sein mit solch segensreichen Erfindungen? Ein ähnliches Gefühl zum Beispiel kommt auf, wenn man, in der „Siegessäule“ blätternd, auf die ganzseitigen Werbeanzeigen der Firma Dildoking stößt. Andree erzählte mir später, dass die Symbolik der Wandschränke wichtig bei der Auswahl gewesen war, einige der eingebauten Glasvitrinen sähen aus wie Särge.

Wie gelangte nun Korpys und Löfflers Video als Flashvideo ins polizeiliche Intranet? Hat es tatsächlich eine Straftat gegeben? Und was war das Wissen, das Pleasure, der Gebrauchswert, das sich der Dieb aus diesem Video zu ziehen erhoffte?



In The Line Of Fire Pt. 2: Pariser Platz
3. Februar 2009, 01:00
Filed under: 2009

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