Christina Zück: Defence Phase II Karachi


Near Bombay Hospital
23. Juni 2009, 10:19
Filed under: 2009

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Total Ten On Location
21. Juni 2009, 23:03
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Die Fotos von den Dreharbeiten des Films „Total Ten“ stammen von der Website „movies.sulekha.com“. Sie zeigen den Schauspieler Rajan Verma als Ajmal Kasab und einen unbekannten Schauspieler als Ismail Khan.

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Floß der Medusa ist ’ne Scheißmetapher
21. Juni 2009, 22:24
Filed under: 2009

“Kasab! Kasab!” rief der Taxifahrer auf einmal. Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er meinte. Wir fuhren seit eineinhalb Stunden von Colaba in Richtung Norden, Straßen, Baracken, Getümmel, eine gelblich beleuchtete Mauer sahen so aus wie immer. Weiter vorne waren ein paar Sandsäcke gestapelt, hinter denen ein Uniformierter mit Maschienengewehr herumstand; an der nächsten Ecke Übertragungswagen von NDTV 24. “Kasab jail!” lächelte der Fahrer. Ich schaffte es gerade noch, die Canon, die ich umhängen hatte, startklar zu kriegen und ein halbwegs scharfes Foto immerhin vom Eingangstor zu machen. Dahinter saß also Kasab, oder Qasab, oder Kasav, die indischen Medien können sich nicht auf eine einheitliche Transkription des Namens einigen, mal ist sein Vorname Mohammed Ajmal, mal Amir Ajmal, der einzige milchgesichtige Überlebende der zehn Attentäter, die vom 26. bis zum 29. November in Mumbai ein Massaker ausführten. Seitdem mir Mrs. Barboza, meine Vermieterin, einen Fernseher in mein Zimmer gestellt hatte, wußte ich, dass er in der Celebrity-Kultur stark zugewandten Gesellschaft Mumbais der zur Zeit wichtigste Superstar ist. Und nun fuhr ich, ohne es vorher geahnt zu haben, am berüchtigten Arthur Road Jail vorbei, in dem schon die berühmtesten Gangster und Bollywoodstars gesessen hatten. Aber dass sie Kasab an einem völlig ungeheimen Ort untergebracht hatten, verwunderte mich schon, hier könnte ja jeder mit einem Lastwagen RDX vorbeikommen. In ein paar Tagen sollte sein Prozess beginnen, seine Verteigerin war entlassen worden, weil sie gleichzeitig auch als Anwältin für ein Opfer des Attentats tätig gewesen war. Ein neuer Anwalt wurde gefunden, der täglich in den News Channels Interviews gab. Man hatte genetische Proben in ein Labor geschickt, um sein Geburtsdatum festzustellen, da er möglicherweise nach Jugendstrafrecht verurteilt werden müßte. Turbulenzen entstanden kurz darauf durch die Forderungen des mutmaßlichen Massenmörders nach Zahnpasta mit Pfefferminzgeschmack, Amitabh Bachchan DVDs und einem Spaziergang an der frischen Luft, er drohte mit dem Verlust seiner psychischen Gesundheit, sollte seinem Wunsch nicht nachgekommen werden. Dieses Drama war ein weiteres Ritornell in der täglichen Weltuntergangssinfonie, maoistische Rebellen hatten in Jharkhand einen Zug mit 700 Passagieren in ihre Gewalt gebracht, Prabhakaran war noch nicht tot und benutzte dreißigtausend Zivilisten als menschliches Schutzschild im Krieg gegen die Sri-lankische Armee, die Taliban marschierten direkt auf Indien zu, die Schweinegrippe wurde zur Pandemie Stufe 5 erklärt. Eine Bollywoodproduktion hatte bereits den ersten Film über die Attentate abgedreht, der in wenigen Tagen in die Kinos kommen sollte, und da sie nicht bis zum Ende von Kasabs Prozess warten konnten, der Spielfilm also gleichzeitig mit dem realen Geschehen, das er historisch aufarbeiten wollte, ablief, mussten sie es überholen und den Ausgang schon vorwegnehmen. Welche Überraschung: Kasab wurde am Ende gehägt. Jetzt war im Viertel Mahalaxmi nichts von der Aufregung zu spüren, in Mumbai konnte ich mich – im Gegensatz zu Karachi – im Taxi zurücklehnen und stundenlang entspannen, ohne dass Gedanken an Raubüberfall, Entführung oder Festnahme ihr Unwesen trieben. Es war bloß laut und die Dimensionen des Staus waren jenseits des je Erlebten, aber das war hier die übliche Form von Normalität, so etwa wie wenn man einen dauerhaften Tinnitus hat.

Frühmorgens holte mich der Fahrer der Filmproduktion ab und wir fuhren zwei bis drei Stunden lang durch die Stadt, von Andheri hoch nach Versova und Malad, um die Hauptdarsteller einzusammeln, dann zurück bis ins südliche Zentrum. Am späten Abend wurde dieselbe Runde wieder gefahren. Ich war auf einem Projekt, das als Job getarnt war, oder einem Job, der als Projekt getarnt war, ich wusste es nicht so genau. Ich war Setfotografin bei einer Spielfilmproduktion. Manchmal drehten wir nachts, und da ich nicht die ganzen 14 Stunden durchhielt, haute ich meistens bei Sonnenaufgang ab und nahm ein Taxi nach Andheri.
Ich würde gerne beschreiben wie morgens die Sonne zwischen den blühenden Gulmoharbäumen hindurchscheint und die schwarzgelben Taxis schimmern läßt – in diesem kurzen Moment erzeugen sie die Grundierung der Stadt. Wir durchquerten zauberhafte Viertel mit barock-zerfallenden Villen, Angestellte in weißen Hemden waren auf dem Weg zur Arbeit, ältere Parsi Ladies gingen in Zeitlupe spazieren, die Leute, die auf der Straße geschlafen hatten, duschten sich mit Wasser aus einem Blecheimer. Dann fuhr das Taxi auf einen Flyover, über Wohneinheiten hinweg, die aus den Fenstern herauswucherten, überfüllte Bazare, Minarette, Baustellen, deren Bambusgerüste weit in die Luft hinein ragten – vorbei an Stapelungen und Schichtungen aller Lebensformen aller Epochen, bis hinein in die Suburbs der nuller Jahre, wo ich in einem Mietshaus wohnte, in der Nähe der halbverbarrikardierten Hauptstraße in Andheri East, unter der sie versuchen, eine U-Bahn zu bauen. So stellte ich mir die Stadt vor, morgens wenn ich im Bett lag und nicht einschlafen konnte und das Wachbewußtsein langsam in den Traum überging, Auflösungsphantasmen vermischten sich mit Science Fiction, das Kaliyuga breitete sich proleptisch im Jetzt aus. Ich würde gerne noch mehr Kitsch raushauen, wie inkommensurabel-toll diese morsche, üppige, spiegelglasige Bombaywelt ist. Geometrische Billigmetaphern aus dem Angebot des letzten Jahrhunderts wie Vertikalität reichen jedoch nicht mehr aus, um im Geist Analogien zu dem herzustellen, was mal Stadt hieß, das Ding platzt ja nicht mal nur zentrifugal aus allen Nähten. Jaa, ich weiß, ich sollte mein Leben ändern und die Überbau-Perspektive anstreben, zurück in den Schreibtischstuhl sinken, anstatt in exotistischer Erschöpfung herumzudümpeln.

Die Filmproduktion hatte am letzten Drehtag ein Boot gemietet, eine von den zweistöckigen Holzfähren, die vor dem Gateway of India nach Elephanta Island abfahren. Sie versuchten, eine Szene zu drehen, bei der zwei Darsteller auf dem Oberdeck an der Reling sitzen und einen Dialog führen. Der Regisseur beauftragte den Kapitän, immer wieder mit dem Boot umzudrehen, um an einem vor Anker liegenden Frachter vorbeizufahren, der im Hintergrund des Bildes auftauchen sollte. Das Boot schwankte. Das Team konnte sich kaum von den Stühlen an der Reling wegbewegen. Von unten hörte man jemanden kotzen, ich sah ihn durch die Luke hindurch hinten über der Schiffschraube hängen, es war der Aufnahmeleiter, den alle hassten. Von der gegenüberliegenden Reling aus war ich zu weit entfernt, um ein Foto von den Schauspielern zu machen, von den Sitzen direkt daneben aus zu nah. Um die richtige Entfernung zu bekommen, balancierte ich in der Mitte des Decks herum. Mein Bein funktioniert nicht richtig, und so ich legte mich immer wieder auf die Fresse, die geliehene Kamera, für die ich laut Vertrag haften musste, mit einem Arm in die Luft haltend.

In der Mittagspause, es war zu heiß und das Licht war zu grell, um weiterzudrehen, legte das Boot wieder am Apollo Bunder an. Parvati, frührere Miss India in ihrer ersten Filmrolle, ahnte schon, dass die Produktionsfirma sich lumpen lassen würde, und schlug vor, ins Café Leopold essen zu gehen, anstatt wie geplant in einen schlichten Biryani-Laden, wir könnten ja selber zahlen. Bisher war ich bloß um die Orte des Terroranschlags wie das Taj Hotel und das Leopold Café herumgeschlichen und hatte Fotos von außen gemacht. Ich hatte mich nicht hineingetraut – aus Scham, für einen Terrorismustouristen gehalten zu werden, oder mich selbst in einen zu verwandeln. Und nun landete ich ganz von selbst an diesem historischen Ort, im Tross eines Bollywoodfilmteams, das bloß Mittagessen wollte. Meine Kollegen zeigten mir alle Einschusslöcher – die Restaurantbetreiber hatten sich entschieden, sie nicht reparieren zu lassen. Seitdem hatte sich der Umsatz verdoppelt, wir mussten warten, bis wir einen Tisch bekamen zwischen den vielen Backpackern und einheimischen jungen Leuten aus der Mittelschicht. Um mich dem spektakulären großen Loch im Spiegel an der hinteren Wand des Restaurants zu nähern, tat ich so, als würde ich Parvati fotografieren. Sie, rechts im Bild, ist auf diesem Foto ziemlich unscharf, dahinter, scharf, die spinnennetzartige Zersplitterung des Spiegels und ein Kind vor einem großen Glas rötlichem Obstsaft. Parvati, die sonst, wenn eine Kamera auf sie gerichtet wird, immer in eine spezielle Modelpose verfälllt, sieht hier eher verwundert aus, sie trägt noch die Siebzigerjahreklamotten aus dem Film. Das Foto ist sehr dunkel, man könnte es aber im Photoshop heller ziehen, es würde dann sehr pixelig werden. Ich bestellte einen Chikku-Saft und war vor Nervosität ziemlich gelähmt und unfähig, an dem Geplauder am Tisch teilzunehmen. Es waren etwa zehn Leute mitgekommen, die oberste Hierarchieebene des Teams, die drei Regieassistenten, der Kameramann, die Assistenten der Produktionsfirma und die beiden Schauspieler. Parvati hatte ihren persönlichen Visagisten dabei, der nie von ihrer Seite wich. Als die Gruppe aufstand, nutzte ich das Getümmel, um ganz schnell mit der Canon ein paar Fotos von den im Raum verteilten Einschusslöchern zu – ich sage jetzt mal: knipsen.

(Fortsetzung folgt)



Terrorismuscafé
1. Juni 2009, 23:00
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Fast Local to Churchgate
1. Juni 2009, 21:50
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