Christina Zück: Defence Phase II Karachi


September 11, 2001
11. September 2009, 14:34
Filed under: 2001

7866534 In the late afternoon, on our way home, we stopped at Sea View, Clifton.

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A Texas-Sized Asteroid
11. September 2009, 14:31
Filed under: 2009

Ich war auf das Dach des Hochhauses geflüchtet. Es gab eine Flut: die Wassermassen nahten heran, aus den Bergen vielleicht oder von einem Dammbruch kommend. Alle Menschen im Haus waren auf das Dach evakuiert worden. Das Gebäude war sehr hoch und hatte die Grundfläche eines ganzen Häuserblocks. Im Innehofbereich sah ich das Wasser ansteigen, die Glasdächer waren am Zusammenstürzen, Trümmmer quollen mit den Strudeln von unten hervor. Ich sollte sofort weg von hier, aber jetzt stand ich und schaute entsetzt auf meine Zehen, die aus der Öffnung der Stützstrümpfe herausschauten – es waren so ähnliche, wie die, die man bei einer Thrombose bekommt. Ich hatte zu allem Unglück auch noch meine Schuhe verloren, schnelles Wegrennen war jetzt nicht mehr möglich. Aber ich würde ohne Schuhe besser schwimmen können. Niemand konnte sagen, ob es irgendwo noch Land gab, ob es Sinn machte, zu flüchten oder abzuwarten, ob die Struktur des Hauses den Wassermassen standhalten würde. Von irgendwoher kam eine Lautsprecherdurchsage, man sollte versuchen, nach Bagdad zu gelangen – Bagdad war bekannt als eine zauberhafte, orientalische Märchenstadt in der Wüste. Ich bereitete mich darauf vor, ins Wasser zu springen.

Den ganzen Tag lang hatte ich schlechte Laune wegen dem apokalyptischen Mist, den mir mein sogenanntes Unbewußtes eingespielt hatte. Auf Facebook posteten zwei Freunde wenige Stunden später Trailer zu neuen Filmen: Es gab eine japanische Anime-Fernsehserie namens „Tokyo Magnitude 8.0“, die das laut geologischer Vorhersagen in den nächsten 30 Jahren bevorstehende Erdbeben detailgenau nachzeichnet, und „2012“, Roland Emmerichs neuester Weltuntergangsschinken, in dem man ganz realistisch ganzen Kontinenten beim ins Meer Rutschen zusehen kann. Ein Flugzeugträger wird im Trailer von einer großen Welle kopfüber auf das Weiße Haus geschleudert, bei Wolfgang Petersens „Der Sturm“ war es bloß ein Fischkutter, der den Wellen-Archetypus illustrieren sollte. Ein paar Tage vorher hatte ich im Fernsehen Videoaufnahmen von einem Hochhaus in Taiwan gesehen, das während des Taifuns „Morakot“ in echt in einen reißenden Fluss stürzte. Jetzt war dieser ganze Urangstquatsch in meinem Bett gelandet, und ich konnte mir nicht erklären wie er dahin kam, und auch Boris Groys half nicht weiter, der in den Gesprächen mit Thomas Knoefel eine Theorie der viralen Massenkultur entwickelt und von einem Bett berichtet, das einen umbringen will. Je komplexer die Kultur wird, desto mehr Viren werden entstehen, die das kulturelle Immunsystem zu durchbrechen versuchen, ist Groys‘ These, es handele sich um submedial agierende Viren, die unterhalb jedes Sinns, jeder kommunikativen Absicht, jedes Begehrens operieren. Die Massenkultur ist laut Groys nichts als ein Ensemble verschiedener Populationen solcher Viren, die mit der Zeit immer elementarer, immer primitiver wird, während die Kultur sich in immer komplizierteren Formen ausdifferenziert. Mein Traum handelte sich, wie ich mit Zweifeln diagnostizieren konnte, um eine Virusinfektion, die ich mir eingefangen hatte. Meine Hirnströme hatten olle Metaphern produziert – welche, die schon im alten Testament vorgekommen waren, echt harnäckige, die zu nichts Gutem führten. Die Menschen hatten die Bezugspunkte ihrer Vorstellungskraft an die Küstenbereiche ausgelagert, Angstströme richteten auf das mögliche Schreckliche und Begehrensströme auf das mögliche perfekte Leben im Glück, man würde diese Schwingungen sicher mit irgendeinem Messgerät nachweisen können in der Zukunft, und jemand würde auch noch einen besserklingenden Namen als „morphogenetische Felder“ dafür entdecken; man würde ihr Oszillieren und ihr osmotisches Verhalten beschreiben und Fuzzy Cognitive Maps anlegen. Seitdem es möglich war, das Vorstellbare nicht mehr bloß zu malen, sonden auch nachzubauen, ja, undenkbar winzige Materieteilchen zu spalten und damit in einer Blitzsekunde zwei komplette Großstädte mit hunderttausenden Einwohnern auszulöschen, konnten, etwas später im Lauf der Geschichte, in dem Eifer auch ein paar Flugzeuge entführt werden, um den geheimen kollektiven Wunsch wahr werden zu lassen, alles könne jetzt in einer kontrollierten Sprengung einstürzen – die ganze schöne symbolische Ordnung, an der die Anderen so lange gearbeitet haben, in Schutt und Asche untergehen.

NACHTRAG
(gesehen Anfang Februar 2011 in Berlin)